Catalogue des Arts et Métiers
for piano four hands (2018)
EN
One of Paris’s most exciting places is sited in the Rue Réaumur 60. The Musée des Arts et Métiers is not only a harbourage to many technical exhibits and industrial products – it is also the stage in Eco’s grand novel Il pendolo di Foucault. A venue full of stories and a panopticon of ideas that once became manifest.
My work revisits the yellowed tales that might be borne in all those objects, cars, tins, rackwheels, periscopes and displays them in a ‘sonic catalogue’. In three parts that are each named after a raw material, we hear about the colourful world of metals – bunte Welt der Metalle, about the sound of silk – Klang nach Seide and about the imperial grace of marble. Meanwhile, hammering rhythms are advancing – naturalistically contouring monotonic manufacturing processes. Yet, they seem to keep an ironising distance to the delicate and occasionally Mannerist passages at the same moment. Both idylls are delusions and turn out to be idealised illustrations. One could easily get bedazzled by the goldsmithery cast in the sounds of the celesta and sucked into the swirls of the marching tuttis. On that note everything is bound to end in smoke. An ignis fatuus evaporating.
DE
In der Rue Réaumur No. 60 befindet sich einer der spannendsten Orte von Paris. Das Musée des Arts et Métiers ist nicht nur Herberge zahlreicher technischer Schaustücke und Fabrikate aus der Industrie, sondern auch dramatischer Schauplatz in Ecos großem Roman »Il pendolo di Foucault«. Ein Ort voller Geschichten und ein Panoptikum manifest gewordener Ideen. Mein Werk greift die vergilbten Geschichten, die in all den exponierten Objekten, den Autos, Aluminiumdosen, Zahnrädern, Periskopen stecken mögen, auf und stellt sie als akustischer Katalog vor. In drei Teilen, die jeweils nach einem Werkstoff benannt sind, erfährt man von der bunten Welt der Metalle, vom Klang nach Seide und von der imperialen Anmut des Marmors. Dazwischen brechen immer wieder hämmernde Rhythmen durch, welche die Monotonie der Fertigungsprozesse naturalistisch nachzeichnen, zugleich aber in einer eigenartig ironisierenden Distanz zu den filigranen, bisweilen manieristischen Abschnitten stehen. Beide Idyllen sind Trugbilder und entpuppen sich als idealisierte Darstellungen. Wer unachtsam ist, wird geblendet von in Celestaklängen gegossener Goldschmiedekunst und hineingezogen in die Strudel der marschierenden Tutti-Passagen. In diesem Sinne muss sich am Ende auch alles in Luft auflösen: Das Blendwerk verdampft.
»Catalogue des Arts et Métiers« entstand als Werk für zwei Pianist:innen nach der gleichnamigen Fassung des Werks, welche ich 2018 für das Grazer Ensemble Zeitfluss schrieb. Die neue Fassung weicht dabei an vielen Stellen erheblich von der Ensemblefassung ab und nimmt Rücksicht auf die spieltechnischen und vor allem auch harmonischen (Un)Möglichkeiten des Klaviers. Ursprünglich waren die drei Sätze als Szenen eines großen Monodrams mit dem bei Dickens entlehnten Titel »A Christmas Carol« für Sprecher und Orchester konzipiert, in welchem diverse Geister und Gespenster aus dunkler Vergangenheit auftreten: »Marley’s Ghost« aus der Dickens’schen Weihnachtsgeschichte, der italienische Futurismo in Form von Filippo Tommaso Marinettis berühmt gewordenen Futuristische Manifest und Luigi Russolos »Kunst der Geräusche«. Am Ende des Monodrams lösen sich die Geister in Luft auf bzw. in Dickens’ Worte gefasst:
In a last prayer to have his fate reversed, he saw an alteration in the Phantom’s hood and dress. It shrunk, collapsed, and dwindled down into a bedpost.
Charles Dickens, A Christmas Carol
Das vorliegende Werk ist also gewissermaßen eine instrumentale Suite eines Monodrams, das nur als Particell existiert und vermutlich nie als solches zu einer Aufführung kommen wird. Im ersten Teil des »Catalogue des Arts et Métiers« wird der Werkstoff Eisen besungen. Der Text, der hier ursprünglich der Musik zugrunde lag stammt aus Russolos »Kunst der Geräusche«:
The motors and machines of our industrial cities will one day be consciously attuned [so] that every factory will be transformed into an intoxicating orchestra of noises.
Luigi Russolo, The Art of Noises
Der zweite Satz dreht sich, als großer Kontrast zum Metall, zuerst um die Sanftheit und Feinheit der Seide, ehe später wieder der Fabrikslärm und die Motorik industrieller Fertigungsprozesse in den Vordergrund drängen. Ebendort war der folgende Textausschnitt aus Marinettis Futuristischem Manifest vorgesehen:
We want to sing the love of danger, the habit of energy and rashness.
Filippo Tommaso Marinetti, The Futurist Manifesto
Schließlich beginnt attacca der dritte Satz mit dem Titel «Marmor». Die Erhabenheit und der Prunk, den besonders dieser Stein ausstrahlt, wo er an Fassaden prangt oder zur bildgehauenen Skulptur wurde, weicht aber bald einer labilen Klangwelt, die das Ende einläutet. Das Stück endet nach einem Bad im funkelnden Lametta der hohen Register abrupt mit einem Triller. Vorbei der Spuk.
INSTRUMENTATION:
Piano four hands (Primo playing also a large tam tam)
DURATION:
12 minutes
PUBLISHED BY:
available soon from UE
PREMIERE:
November 12, 2024 • Graz, Priesterseminar • Chiemi Tanaka and Krzysztof Dziurbiel, piano
PERFORMANCES:
- January 25, 2026 • Graz, Palais Meran • Chiemi Tanaka and Krzysztof Dziurbiel, piano